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DAS ATMEN
DER STADT Ausstellung des Bilderdienstes
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| An
jedem Tag wird die Stadt neu gemessen. Statistisch, hydrographisch, meteorologisch,
seismisch, verkehrstechnisch. Je größer sie ist, um so sorgsamer scheint
sie, zumindest hierzulande, unter Beobachtung zu sein; - wie ein Patient,
der in Gefahr ist, unter Belastung zu kollabieren. Ähnlich ist es mit ihren
Bewohnern. Je stärker sie mit ihrer Stadt verwurzelt sind, um so empfindlicher
scheinen sie auf die Änderungen, die in ihr stattfinden, zu reagieren. Mit
Ärger und Unlust, oder mit Freude und einer Liebe, die weit über den Lokalpatriotismus
hinausgeht. "Die Stadt bin ich", sagt der Slogan einer Stadtillustrierten
und umreißt damit jenes städtische Selbstbewußtsein, das sich in ihren Bewohnern
entwickelt. Es macht sie zu aufmerksamen, kritischen, zustimmenden oder
ablehnenden Mitgliedern einer Kommunität, die, Bewegungsmeldern ähnlich,
alle Änderungen im Rhythmus der Stadt registrieren. Um diesen Rhythmus geht es in unserer Ausstellung. Daß eine Vielzahl besonders jüngerer Künstler sich der Stadt als Thema zuwenden und vor kurzem Thomas Schadts Remake von Walter Ruttmanns "Berlin- Symphonie einer Großstadt" ins Kino gekommen ist, scheint kein Zufall zu sein. Die Stadt, heißt es in Geoffrey Houshold's "Einzelgänger, männlich", einem der besten Verfolgungsthriller die bisher geschrieben wurden, die Stadt ist inzwischen die "natürliche Umgebung des Menschen." Dem Nichtstädter, der ein nur schwach entwickeltes Sensorium für ihren Körper, ihren Atem hat, bleibt sie unsicheres Terrain. Daß Alfred Hitchcock, angeregt durch Ruttmanns Arbeit, einen Film, der den Titel "Das Atmen der Stadt" tragen sollte, dann doch nicht realisierte, erscheint im Nachhinein folgerichtig. Einen Episodenfilm über die Liebe, das Leiden und den Tod in der großen Stadt zu machen, das wäre womöglich in die Nähe des Potpourris gekommen und hätte seinem Sinn für klar erzählte Handlungsabläufe und fürs Kammerspiel widerstrebt. Deshalb erscheint die Stadt in seinen Filmen meist nur als unveränderter Hintergrundprospekt, dessen Simplizität die Spannung seiner Dramen noch zu steigern vermag. Wollte man den Blick, der dort deutlich wird, in kunsthistorische Begriffe ordnen, dann wäre er, in Abkehr vom Expressionismus Ruttmanns, der seine Berlin- Bilder dem Diktat des Tempos unterordnete, dem distanzierten Blick der Neuen Sachlichkeit verwandt. Selbst die Stilleben scheinen da noch mit der Präzision und Ökonomie des großstädtischen Lebens aufgeladen zu sein und die Sehnsucht nach Nähe bleibt, wie etwa die wunderbaren Fensterbilder von Oskar Schlemmer zeigen, unerfüllbar. Für die Aktualität sind das freilich schon längst abgesegnete Darstellungsweisen, die in die Falle der Nostalgie führen würden, wenn man sie wiederholte. So kreisten die großen Stadtausstellungen der Vergangenheit auch immer wieder um das Phantasma einer einstigen Lebendigkeit, um den Mythos Berlins, wie dem von Paris, London und New Yorck. Aber wie sind die wuchernden Agglomerationen von Orten und Nichtorten, wie sind die Megacities, zu fassen? Welche Bilder findet man für die Energien von Mexico City, Shanghai und Kuala Lumpur und welche Rollen spielen die Künstler bei dieser Suche? |
Blättert
man in den neuen Katalogen zum Thema Stadt, dann zeigen sich die im Gewand
von Soziografen, Statistikern, Animateuren, die nicht selten damit beschäftigt
sind, neue Formen der Ästhetik des Elends zu entwickeln und die Grenzen
der Ausstellbarkeit zu testen. Was unterscheidet unsere Ausstellung über
den "Atem der Stadt" von diesen Positionen? Knapp könnte man sagen, es ist
die Mixtur von Verrücktheit und Normalität, Professionellem und Amateurhaftem,
Neben- und Hauptsachen. Es ist die Betonung des Rhythmischen, die nicht
allein den Motiven der Kunstwerke und Alltagsexponate gilt, sie soll auch
Ausstellungsform sein und sich der Stadtkarte einprägen, die statt des üblichen
Katalogbuchs zur Ausstellung erscheint. Eine weitere Unterscheidung ergibt
sich aus den Ergebnissen unserer "Bilderdienst"- Arbeit, die sich seit langem
mit den ästhetischen Grenzbereichen befasst. Eine Arbeit die zu zahlreichen
Ausstellungen und Publikationen zur Ikonographie des Seitenblicks führte.
In unserer Ausstellung, die den Ort, in dem wir wohnen, Berlin, nicht verleugnen
will, wollen wir die Metapher vom Künstler als Seismographen beim Wort nehmen,
und mit ihr spielen. Einbezogen in dies Spiel sollen ausgewählte Beispiele aus dem Stadtalltag sein, etwa aus den Geflechten der Verwaltung, der Polizei und der Wirtschaft. Kein Panorama ist damit gemeint, sondern eine Durchdringung von Innen und Außen, deren Details sich, wie beim Bewegen durch die Reize der Stadt, sich dem Gedächtnis der Besucher als erhellende Splitter einprägen. Die beteiligten Künstler und Autoren sind dabei die Medien, die das Geschehen, das in den Innen- und Außenräumen stattfindet, in Diagramme, enzephalographische Muster, rhythmische Modelle, Psychogeografische Karten, übersetzen. In Bilder und Objekte, die ein Lebenstempo deutlich machen, das, wie Klaus Atzwanger, Ethologe aus Wien, in seiner Studie über das menschliche Gehen feststellt, zusammengesetzt ist aus den "positiven Korrellationen zwischen Gehgeschwindigkeit, Sprachgeschwindigkeit, Arbeitstempo, der Genauigkeit von Uhren, sowie der Rate von Herzkranzgefäßerkrankungen. Zu sehen sind: Organigramme der öffentlichen und privaten Ordnung; die Gedanken der Füße beim Laufen; die Choreographie der Stadtgesten; die Gezeiten der Haupt- und der Nebenstraßen; die Farben der Bezirke; Einblicke in die wilde Natur der Stadt; Einprägungen der Stadt in die Körper ihrer Bewohner; die sichtbaren und unsichtbaren Grenzen, und die Klimazonen der Stadt. Dabei sollen die Zeichnungen Carl Langes über "das heilige Schweißwunder der Schuheinlegesohle" und die frühen Collagen von Josef Grebing über "Roma- Stadt Gottes" aus der Heidelberger Prinzhornsammlung ebenso gewürdigt werden, wie die stille Arbeit von phantastischen Kartographen, wie etwa Christian Appel, oder Thorsten Obermann. Auch ein besessener Zeichner der städtischen Nahverkehrsnetze, wie Matthias Hintzen, soll hier einem größerem Publikum vorgestellt werden. Gewidmet ist die Ausstellung der Fotografin Abisag Tüllmann, die vor fünf Jahren starb und deren Arbeiten über die Großstadt in der deutschen Nachkriegsfotografie einzigartigen Rang haben. Die Stadt birgt, wie August Endell in seiner frühen Apologie der Großstadt schwärmt, ungeahnte Wunder. Die Ausstellung "Der Atem der Stadt" möchte einige von ihnen zeigen. |