| Ein
traditioneller Topos der literarischen Stadtbeschreibung ist der Besuch
des Provinzlers, der auf all die Reize, die ihn in der Stadt erwarten, nicht
vorbereitet ist.
Ich möchte die Einführung gerne mit der Parkseite des Hauses am
Waldsee beginnen, gewissermaßen von der Natur- zur Stadtseite gehend,
mit der Neugier eines Emil Tischbein der, aus der brandenburgischen Übersichtlichkeit
kommend, sich dem Dickicht der Stadt nähert. Neben den zum Bestand
des Hauses gehörenden Objekten von Olav Metzel, Maria Eichhorn und
den Würfelskulpturen von Gerhard Trieb, ist es das zweiteilige, an
Bauherrenschilder erinnerndes Gerüst mit einer Panoramazeichnung
im Cinemascope- Format, das sofort ins Auge fällt:
Erik Göngrichs "Schloßfreiheit". Es ist der riesige
Platz auf dem irgendwann die Rekonstruktion des Berliner Schlosses stehen
wird. Hier ist er mit Trümmerteilen übersät- Resten des
Zeltaufbaus für das Musical "Venus", das dort vor einiger
Zeit gastierte. Dieser Anblick muß für Göngrich epiphanischen
Charakter gehabt und sich in einem Zukunftsbild verdichtet haben (auch
wird die Bedeutung der Trümmergrundstücke in der jüngeren
Stadtgeschichte dabei eine Rolle spielen)- "Die Schloßfreiheit
erscheint", wie er beschreibt, "mit einem mal als Ort der Möglichkeit
und Notwendigkeit, sich zwischen all der staatstragenden Ernsthaftigkeit
(Außenministerium, Bauakademie, Zeughaus, zukünftiges Humboldtforum,
Altes Museum) eine von der Nutzung und dem Aussehen nicht vorhersehbare
Leerstelle freizuhalten"...Eine Brache für die Fantasie gleichsam,
die der Erkenntnis des Architekten Jan Rave nahe kommen könnte: "Heute
ist es die größte Kunst, eine Fläche- Wand, Straße
oder einen Platz- freizuhalten: von Autos, Pollern,- Blumenkübeln
und von allem, was uns als Kunst angeboten wird."
Erik Göngrichs unübersehbarem Bauherrenprospekt gegenüber
ist ein Objekt plaziert, das ebenfalls mit den Mitteln ironischer Camouflage
arbeitet:
Francis Zeischeggs transportabler und begehbarer Holzstapel, dem, so der
korrekte Titel:"Jagdschutzholzstapel zur Beobachtung von Wilderern",
on dessen Innenraum aus der Förster oder Jäger das frevelhafte
Tun der Wilddiebe, -oder, da es sich um eine Erfindung aus der DDR handelt,
das Treiben von Republikflüchtlingen observieren kann.
Aber wer, so drängt sich die Frage auf, wer soll hier im Park in
seinem Inneren sitzen? Womöglich die Direktorin des Hauses am Waldsee
als allgegenwärtiges Kontrollorgan? Und welche Rolle würde dann
das observierte Publikum spielen? Etwa die der Wilderer? Nun, das wäre
eine reizvolle Vorstellung, denn dann würde es vielleicht die lockere
Systematik, die dieser Ausstellung ein Gerüst gibt, ignorieren. Es
würde mal hierhin, mal dorthin pendeln wie Wünschelrutengänger.
Was im übrigen eine Fortbewegungsart in der Stadt wäre, die
Claudia Basrawi in ihren Vorträgen über "Psychogeografie"
empfiehlt, wo das Wandern in der Stadt zur Kunst wird, die einen Gleichklang
von innerer und äußerer Bewegung herzustellen sucht. Sprunghaftigkeit
gehört zu ihren Voraussetzungen und die Bereitschaft, sich ablenken
zu lassen; also zwei Eigenschaften, die eher als Untugenden gelten, werden
da, aber auch hier, bei uns, gewünscht.
Deswegen gibt es auch kein ordentliches Katalogbuch. sondern einen beidseitig
bedruckten Stadtplan, auf dem kurze Texte, Fragmente, Fundstücke
und Werkabbildungen der beteiligten Künstler als gleichberechtigte
Orte erscheinen. Der Plan verleugnet nicht, daß er auch als Appetitmacher
dienen soll. denn nicht wenige der hier versammelten Arbeiten nehmen in
gleichzeitig strenger, wie verspielter Form jene aufregenden Momente der
ersten Stadterkundung auf, die jeder kennt, der etwa nach einer anstrengenden
Reise in die Fremde, frisch geduscht seine Unterkunft verläßt
und die ersten Schrittein unbekanntes Terrain tut. Dabei mögen die
sanften Farben seiner Stadtkarte, die kartografischen Details des Stadtführers
mit ihren pistaziengrünen?, himbeerroten, nußbraunen Tönen
schon auf das Sehen und Gehen als kulinarische Abenteuer einstimmen. Ja,
manchmal scheinen die so eingefärbten Orientierungshilfen heimliche
Einladungen ins Schlaraffenland zu sein. Nehmen Sie nur die "Seelenpläne"
des Autodidakten Thorsten Obermann, aus dessen großem Oevre wir
ein knappes Hundert Buntstiftzeichnungen ausgewählt haben. Auch sie
bedienen sich der pastellfarbenen Schönheit jener Stadtkarten, ?
allerdings dienen sie nicht als Lockmittel, das in die Reize des fremden
Außen führt. sondern als Wegweiser ins Innen. wie ihr Name
es schon andeutet; in die Wünsche nach Harmonie und Ausgeglichenheit.
Das ist, wie die Fülle seiner Arbeit beweist, nur durch das tägliche
Exerzitium des Zeichnens, genauer, des Handzeichnens, zu erreichen. Was
dann auf dem Papier entsteht, sind unbestimmte Städte, die aus Verdichtungen
und Knoten, aus Rissen, Löchern, Clustern, Netzen und Wegmarken bestehen
und öfter Phantasienamen tragen, die allerdings nicht auf das "Phantasien“
der Hobbit ? Reiche weisen, sondern auf Umstellungen schon bekannter Städtenamen
wie Fulda oder Memmingen, Baiersbronn, und Frankfurt am Main. Von dort
kommt Übrigens Christian Appel, der mit seinen großformatig
gezeichneten, manchmal zart kolorierten Stadtplänen, wie Thorsten
Obermann, zu jener Bruderschäft gehören scheint, die dem imaginativen
Städtebau verpflichtet ist. Sie sind mit einer, Thorsten Obermanns
verwandten Geduld, doch sind es keine Einzelblätter, sondern große
Panoramen, die in monatelanger Arbeit entstanden sind. Wenn man sich ihnen
nähert, entdeckt man hunderte von Worten und kurzen Sätzen,
die in die Häuserzeilen eingeschrieben sind, Das sind Teile von Alltagsbeobachtungen
für eine neuartige Tagebuch? Bildkarte, in die man sich mit dem Vorsatz
versenkt. das Stadtbild, das sich da vor einem öffnet, als realen
Ort zu entdecken: Das ist doch, das, ist doch –Köln vielleicht,
oder Mannheim?
Aber, - nein, die Stadt, die hier minutiös abgebildet ist, gibt es
offenbar gar nicht. Während Thorsten Obermanns Phantasien sich aus
der Höhe, wenn nicht von Shivas Auge, dann zumindest von der Sicht
eines privaten Meßsatelliten aus dargestellt zu sein scheint, ist
die Höhe von der aus die Stadtterrains Christian Appels gezeichnet
wurden, irdischer, sie scheinen wie zum Zweck administrativer Observation
hergestellt, wie aus der Sicht eines Polizeihubschraubers, der den Fluß
und die Stockungen der täglichen Bewegungen auf den Straßen
registriert. Dort unten könnte beispielsweise Dr. Klaus Atzwanger,
Ethologe aus Wien, zu sehen sein, wie er mit seinen Assistenten dabei
ist, mit Hilfe von Stoppuhren die "positiven Korrelationen zwischen
Gehgeschwindigkeit, Sprachgeschwindigkeit, Arbeitstempo, der Genauigkeit
von Uhren. sowie der Rate von Herzkranzgefäßerkrankungen festzustellen.
Oder man sieht den Fotografen und Location? Scout Florian Braun vorbeieilen,
den die Suche nach den passenden Hintergründen für Film? und
Fernsehspiele zu einem Kritzler gemacht hat, dessen Zeichnungen das Außen
und Innen der Stadt locker durchdringen und ortlos werden. Seine Strichmännchen
verbinden sich komplikationslos mit den Umrissen von Baukränen, Computern.
Entsaftern, Klebstreifenrollen und Taschenrechnern und bilden Allianzen
gegen das allgegenwärtige Prinzip der Nutzbarmachung.
Auch Marko Lehanka ist dort unten zu sehen, allerdings häufig fast
verdeckt, denn wie Francis Zeischegg, ? oder Erik Göngrich, versteht
er sich auf die Kunst der Camouflage. Mit seinen verdrehten Objekten,
die dem Fundus der banalen Stadtobjekte entstammen könnten, ist er
ein Spezialist für den zweiten Blick. (Wir zeigen hier seinen "Zigarettenautomaten",
den "Bollerwagen" und das "Modell für ein Plakat der
Deutschen Städtereklame“. Nur ganz selten wäre aus jener
Perspektive der Personen? und Objektobservation allerdings Matthias Hintzen,
diplomierter Geograph aus München, zu sehen. Er ist, wenn ihn nicht
gerade das Abendbrot bei den Eltern uns Haus, oder ein gelegentlicher
Job in einem Planungsamt an den Schreibtisch fesselt, eigentlich ständig
unterwegs, mit Bussen, Nah,? gelegentlich auch Fernverkehrszügen
und Straßenbahnen, denn seit seiner Kindheit sind die Linien seine
Leidenschaft, im grafischen, wie auch im transporttechnischen Sinne. Als
Musterexemplar des mobilen Menschen würde er gewiß nicht taugen,
denn obschon er so häufig unterwegs ist, sitzt er meistens. Das tun
freilich Autofahrer guch, ? nur haben die nicht ständig Notizblöcke
und Skizzenhefte auf dem Schoß und Zeichenstifte in der Hand und
betätigen sich nicht als ihre eigenen Fahrtenschreiber, die Station
für Station nachzeichnen,a uch werden sie bestimmt nicht, wenn sie
nachhause kommen, noch Wegekarten aller möglichen Verkehrsnetze aus
dem Gedächtnis nachzeichnen, ?was eine große mnemotechnische
Leistung ist und Hintzen eigentlich schon längst fürs Guiness'
Buch der Rekorde empfehlen hätte.
Doch lassen Sie mich nun die Vogelperspektive verlassen. Landen wir also
zunächst einmal auf dem Boden statistischer Tatsachen, bei K.P.Brehmer,
einem Künstler, der viel zu früh verstorben ist und dessen Oevre
vom Spiel mit den bürokratisch wie erhebungstechnisch erfassten Daten,
sowie der allseitigen Faktenhörigkeit geprägt ist. Er ist meines
Wissens der einzige deutsche Künstler der Nachkriegsgeneration. der
sich auf die Experimente der Künstler aus dem Umfeld der "Kölner
Progressiven" bezog, einer Gruppe, zu der etwa Gerd Arntz und P.W.Seiwert
gehörten und die in dem Entwickler der modernen Bildstatistik, Otto
Neurath, ein Vorbild für die eigene Arbeit an einer neuen politischen
Ikonografie sahen.
In unserer Ausstellung ist Brehmer mit einem Bild zur Verkehrsunfallstatistik
in West?Berlin, 1977, sowie einer Arbeit über die Stadtentwicklung
Londons und einer Studie über den Flug der Stubenfliege vertreten.
Um diese Werke sind die Hochhausobjekte von Eva Maria Wilde gruppiert.
Diese Stelen. deren Fassaden mit horizontalen und vertikalen Farbklebebändern
rhythmisiert sind, kehren die Idyllik jener Miniaturstädte um, in
denen man mit ein paar Schritten den Eiffelturm, den schiefen Turm von
Pisa und die Sphinx von Giseh passieren kann und die den sogenannten kleinen
Leuten das Gulliver? in? Lilliput? Gefühl geben, groß zu sein.
Dies Gefühl geben die bis zu 2,5o Meter hohen Türme Eva Maria
Wildes nicht. Zwischen ihnen entsteht leicht der Eindruck, von der wildgewordenen
Bilanzstatistik etwa der Deutschen Bank festgehalten und nicht mehr losgelassen
zu werden, bis die Kraft des Kapitals einen den Strömen der Geld?
und Warenzirkulation ausliefert.
Ob im Work? in ?Progress? Beitrag, dem ARTE? Filmprojekt von Antonia Lerch
und Benno Tratmann mit dem Arbeitstitel "Wut", auch die Wut
der Kleinaktionäre und Sparer auf die Anlageberater gezeigt wird,
die vor kurzem noch hohe Renditen versprachen und nun, in der Baisse.
es nicht gewesen sein wollen, weiß ich noch nicht. Aber in den schon
zeigbaren Arbeitskopien werden Menschen vorgestellt, denen Ärger
und Haß Lebenselixiere zu sein scheinen.
Sie verkörpern Beispiele für die Temperaturen, die die sogenannte
Volksseele zum Kochen bringen und einen immer wieder staunen lassen über
das alltägliche Wunder. daß in einer Großstadt wie Berlin.
wo es ständig zu mannigfachen Reibereien kommt, nicht Mord und Totschlag
die Straßen regieren. Ja, der zeitweiligen militanten Okkupation
der Straße werden sogar, wie die ritualisierten Ausschreitungen
während der 1. Mai?Feiern in Kreuzberg und in Mitte immer wieder
zeigen, folkloristische Züge abgewonnen, die für Touristen mit
Sinn für Exotik, hohen Reiz haben können.
Das Diorama von Karsten Schulz, einem Polizeibeamten, zeigt einen Moment
solcher Exotik, in dem die Energien der Stadt ungeschminkt sichtbar werden;
die Räumung der von jungen Militanten besetzten Häuser in West?
Berlin, Anfang der 80 er Jahre. ?Ein traumatisches Erlebnis nicht nur
für die Besetzer. sondern auch für die räumenden Beamten.
zu denen Karsten Schulz damals gehörte.
Neben West?Berlin war bekanntlich auch Frankfurt am Main ein Zentrum der
Hausbesetzerbewegung. Manche Straßennamen dort. die Westendstrasse
etwa oder der Kettenhofweg, beides Straßen unweit der Universität
und ihren wohnungsnotleidenden Studenten, sind im Stadtgedächtnis
noch tief mit den Zeitpunkten heftiger Strassenschlachten verbunden.
Zu den unauffälligen, fast schüchternen, doch stets präsenten
Beobachtern des Geschehens gehörte die vor sieben Jahren gestorbene
Fotografin Abisag Tüllmann, die für ihren Beruf eher das Wort
"Berichterstatterin" bevorzugte. Frankfurt war ihre Heimatstadt
und dort entstanden früh, Ende der fünfziger Jahre, als sie
wenig älter als zwanzig war. all jene Fotos, die ihr mit Abbildungen
in "Magnum" und Teilnahmen an den Weltausstellungen der Fotografie
frühen Ruhm brachten. Viele dieser Schwarz?Weiß?Aufnahmen montierte
sie zu einem immer noch anregenden Stadtbilderbuch, das 1963 mit dem schlichten
Titel "Großstadt» erschienen ist. Im Vorwort schwärmt
Richard Kirn, daß die Welt dieser Fotografin, die Welt der Stadt
sei, "die tosende, lärmende, heulende, ratternde, sonntagstote
oder an ihren Rändern versickernde Stadt in der Mitte des 2o.Jahrhunderts.“
Diese Ausstellung ist der Erinnerung an Abisag Tüllmann gewidmet.
Daß das stille Insistieren gewissermaßen zu den notwendigen
Grundeigenschaften des Stadtbildberichterstatters gehört, ist gleichfalls
den Stadtfilmen Manfred Wilhelms eingeprägt. Neben der Langzeitrecherche
"Die Legende vom Potsdamer Platz“, den Filmen "Nightwalk",
"Im Lichtbild der Großstadt" und „Max Missmann/
E.L.Kirchner, Der Potsdamer Platz“, wird das besonders deutlich
im Film über den Fotografen Henry Ries, dem Chronisten der Luftbrücke.
Er zeigt den über 8o Jährigen beim Spazieren durch das neue
Berlin, beim Reden über die Veränderungen des Stadtbilds und
seine fotografische Erfassung.
Als Stadtwanderer sind Henry Ries, Manfred Wilhelms und Abisag Tüllmann
Kinder jenes 1740 geborenen Sebastien Mercier, der meinte, daß er
für seine berühmte Schrift "Tableau de Paris" so viel
herumgelaufen sei, daß er mit Fug und Recht behaupten könne,
es mit den Beinen geschrieben zu haben.
Hätte Dr.Atzwanger damals gelebt und wäre Zuhörer dieses
Satzes gewesen, dann hätte er gewiß auf größerer
Präzision bestanden. Mit den Beinen? Nein. mit den Füßen
natürlich, diesen mißachteten, geknechteten Körperteilen.
die den täglichen Bewegungsbedürfnissen am drückendsten
ausgesetzt sind. Sie sind es, die Basisorgane der Stadterkennung bilden,
?das hat schon Carl Lange erkannt. ein Psychiatriepatient, dessen Arbeiten
die Heidelberger Prinzhorn- Sammlung verwahrt. Auf seinen Zeichnungen
verspricht jeder Schritt verzückende Erkenntnisse, die "heiligen
Schweißwunder der Schuheinlegesohle“ womöglioh, die direkt
in das von Josef Grebing liebevoll collagierte Stadtparadies "Roma?
Stadt Gottes“ führen, ?oder in die Miniatur- Interieurs von
Joseph Schneller, die wie Verlockungen der Geborgenheit am Ende eines
langen Tunnels aussehen. Sie geben jene Wärme wieder, die wir manchmal
des Nachts beim Anblick freundlich erleuchteter Wohnzimmerfenster spüren.
Oskar Schlemmer malte 1942, einem Jahr großer Not, so etwas. 18
Bilder mit Personen in Innenräumen, in die er von seiner Wuppertaler
Wohnung aus blickte, wie in Vorräume des Paradieses. Matten Vogel
hat hier etwas Ähnliches probiert. Er richtete das Objektiv seiner
Kamera auf die erleuchteten Wohnungen der Nachbarn. ?Doch will sich da
jenes Gefühl des Friedens nicht einstellen. Die Räume der Nachbarn
scheinen in Kältenebel gehüllt. "Privat" heißt
Vogels Arbeit und dies Private zeigt sich in einem Zustand der Auflösung
.in dem alles Farbige und Individuelle zunichte gemacht wird. Ganz anders
sieht dies Private Barbara Steppe. die als Nachfolgerin K.P.Bremers mit
den Mitteln der Statistik arbeitet, und Porträts aus den Aktivitäts?
und Passivitätsdaten der von ihr interviewten Personen zusammensetzt.
Hieß es einst, daß das Private politisch sei, so könnte
es hier heißen, daß das Private quantifizierbar ist und sich
am ehesten noch als Kurzdatensammlung biografischer Merkmale und Fakten
abbilden ließe, die in die Größenverhältnisse prozentualer
Anteiligkeit und ins Gerüst subjektiver Farbzuordnungen gebracht
wurden.
Während das Private hier in eine Systematik gebracht wird, die bisweilen
an Mondrians analytische Methodik erinnert, stellen die Stilleben von
Kerstin Drechsel Revolte gegen die Zwanghaftigkeit dar. in die die häusliche
Ordnung mit solch rationalistischer Vorgehensweise geraten kann. Sie zeigt,
wo Unordnung, Abfall, Müll heimisch geworden sind und das Wohnen
besetzen. Ihre Bilder zeigen das andere Extrem, die Unsystematik der Messies,
die der Macht der Dinge hilflos ausgesetzt sind. Wo soviel Chaos herrscht,
muß man hinaus. auf die Straße, an jene Plätze, die das
Vergessen der kruden Alltäglichkeit versprechen, vielleicht dorthin.
wo in der Bewegung. im Tanz. sich die drückenden Verhältnisse
aufzulösen scheinen. Am besten in einen der vielen Clubs, die in
den Nischen, Kellern, leerstehenden Wohnungen und Bunkern Berlins in den
90er Jahren entstanden und von Martin Eberle in großformatigen Farbfotografien
porträtiert worden sind. Diese "Temporary Spaces" sind
alle menschenleer, aber doch noch voll von den Energien, die die Tanzenden
Trinkenden, Redenden, Liebenden dort in der Nacht verschwendeten.
Nach dem Tanzen mag man mit dem Gefühl nachhause zurückehren,
durch den genuinen Rhythmus der Stadt geläutert worden zu sein und
entspannter, als zuvor, widmet man sich wieder seinen alltäglichen
Verrichtungen, etwa der Hausarbeit. Heike Vogler hat die Bewegungen. die
sie erfordert. in ihren animierten Zeichnungen aufgenommen, und das Spülen,
Putzen, Sortieren; das Schneiden, Waschen Trocknen als Elemente der häuslichen
Funktionstüchtigkeit poträtiert. Diese Animationen sind Weiterentwicklungen
eines Langzeitprojekts über die "Time?Motion?Studies",
jene Arbeitsbewegungsstudien. mit deren Hilfe die Industriearbeit im 20.
Jahrhundert effizienter gestaltet werden sollte. in der großen Zeit
dieser Rationalisierungsbewegung, die von den frühen zwanziger Jahren
bis in die siebziger Jahre reichte, galten Pausen nur als Wiederherstellungsphasen
menschlicher Arbeitskraft. Längerwährende Blicke aus dem Fenster
etwa, überhaupt Langsamkeit in allen Ausrichtungen wurden in solchen
Arbeitsprozessen als Faulheit ja als Sabotage geahndet.
In Katharina Meldners Video? Langzeitbeobachtung "Morgendämmern"
ist der langwährende Blick aus dem Fenster das Hauptmotiv: Im Zeitraum
von 3 Jahren hat sie den Gesang zweier Amseln aufgenommen, die sich von
Nachbarhof zu Nachbarhof unterhalten und der dem Zuschauer und Zuhörer
immer wieder das Gefühl erfrischten Aufwachens gibt. Auch Nanae Suzukis
Aquarell?Serie „Gesichter", zeigt die Blicke von Drinnen nach
Draußen: auf ockerfarbene, siennarote, seidengraue, resedagrüne
Brüstungen. Hauswände, Balkone und Dächer, die, wenn man
sie genau ansieht, mit einem mal merkwürdig verschoben wirken, so
als hätte sie ein Harmoniesüchtiger auf der Suche nach der Steigerung
seines Verlangens, sie nicht nur auf den Kopf gestellt. sondern auch nach
eigenen architektonischen Regeln zusammengesetzt. Und siehe da: es funktioniert.
Drinnen und Draußen wechseln und durchdringen sich, ohne daß
die Balance zerstört wird.
Stella Geppert kann das mit ihrem großen Raumobjekt auch beweisen.
Da wird Boccionis Traum von der Gleichzeitigkeit des Draußen und
Drinnen Wirklichkeit. Die Küche, das Bad und die Besenkammer sind
Teil der Straße, der Parkfläche und Häuserwand und Gully
und Treppengeländer sind mit den Dingen aus Wohn? und Schlafzimmern
versöhnt.
Karsten Konrads "Architypes“ spiegeln ebenfalls solche Balance.
Diese mannigfach geformten Schichtenmodelle haben eine tektonische Kraft,
die nicht mehr das Gerüst des Hausbaus braucht. Sie stehen da. ausgeruht,
trotz ihrer Größe und ihres Gewichts, leicht, und bieten, sich
als ideale Gefäße für das Atmen der Stadt an. Legt man
sein Ohr an sie, dann kann man ihn (manchmal) von ferne hören.
Verfolgt man Anke Fischers Video?Installation über den Stadtrand,
dann gibt es keine Frage: ohne die Stadt wäre man fast hilflos. Sie
birgt jene ungeahnten Wunder, von denen August Endells 1908 erschienener
Text über die Schönheit der Großen Stadt spricht. Sie
bilden einen sich ständig verändernden "Orbis Pictus“,
der denselben Titel tragen könnte. wie Christian Hückstädts
Arbeit: "Du, und Deine Welt“. Schauen Sie in ihn hinein. Es
lohnt sich.
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