DAS ATMEN DER STADT

Ausstellung des Bilderdienstes
Berlin im Haus am Waldsee
Termin: 15.6. - 3.8. 2003

Eröffnungsrede von Andreas Seltzer

 

Ein traditioneller Topos der literarischen Stadtbeschreibung ist der Besuch des Provinzlers, der auf all die Reize, die ihn in der Stadt erwarten, nicht vorbereitet ist.

Ich möchte die Einführung gerne mit der Parkseite des Hauses am Waldsee beginnen, gewissermaßen von der Natur- zur Stadtseite gehend, mit der Neugier eines Emil Tischbein der, aus der brandenburgischen Übersichtlichkeit kommend, sich dem Dickicht der Stadt nähert. Neben den zum Bestand des Hauses gehörenden Objekten von Olav Metzel, Maria Eichhorn und den Würfelskulpturen von Gerhard Trieb, ist es das zweiteilige, an Bauherrenschilder erinnerndes Gerüst mit einer Panoramazeichnung im Cinemascope- Format, das sofort ins Auge fällt:

Erik Göngrichs "Schloßfreiheit". Es ist der riesige Platz auf dem irgendwann die Rekonstruktion des Berliner Schlosses stehen wird. Hier ist er mit Trümmerteilen übersät- Resten des Zeltaufbaus für das Musical "Venus", das dort vor einiger Zeit gastierte. Dieser Anblick muß für Göngrich epiphanischen Charakter gehabt und sich in einem Zukunftsbild verdichtet haben (auch wird die Bedeutung der Trümmergrundstücke in der jüngeren Stadtgeschichte dabei eine Rolle spielen)- "Die Schloßfreiheit erscheint", wie er beschreibt, "mit einem mal als Ort der Möglichkeit und Notwendigkeit, sich zwischen all der staatstragenden Ernsthaftigkeit (Außenministerium, Bauakademie, Zeughaus, zukünftiges Humboldtforum, Altes Museum) eine von der Nutzung und dem Aussehen nicht vorhersehbare Leerstelle freizuhalten"...Eine Brache für die Fantasie gleichsam, die der Erkenntnis des Architekten Jan Rave nahe kommen könnte: "Heute ist es die größte Kunst, eine Fläche- Wand, Straße oder einen Platz- freizuhalten: von Autos, Pollern,- Blumenkübeln und von allem, was uns als Kunst angeboten wird."
Erik Göngrichs unübersehbarem Bauherrenprospekt gegenüber ist ein Objekt plaziert, das ebenfalls mit den Mitteln ironischer Camouflage arbeitet:

Francis Zeischeggs transportabler und begehbarer Holzstapel, dem, so der korrekte Titel:"Jagdschutzholzstapel zur Beobachtung von Wilderern", on dessen Innenraum aus der Förster oder Jäger das frevelhafte Tun der Wilddiebe, -oder, da es sich um eine Erfindung aus der DDR handelt, das Treiben von Republikflüchtlingen observieren kann.
Aber wer, so drängt sich die Frage auf, wer soll hier im Park in seinem Inneren sitzen? Womöglich die Direktorin des Hauses am Waldsee als allgegenwärtiges Kontrollorgan? Und welche Rolle würde dann das observierte Publikum spielen? Etwa die der Wilderer? Nun, das wäre eine reizvolle Vorstellung, denn dann würde es vielleicht die lockere Systematik, die dieser Ausstellung ein Gerüst gibt, ignorieren. Es würde mal hierhin, mal dorthin pendeln wie Wünschelrutengänger. Was im übrigen eine Fortbewegungsart in der Stadt wäre, die Claudia Basrawi in ihren Vorträgen über "Psychogeografie" empfiehlt, wo das Wandern in der Stadt zur Kunst wird, die einen Gleichklang von innerer und äußerer Bewegung herzustellen sucht. Sprunghaftigkeit gehört zu ihren Voraussetzungen und die Bereitschaft, sich ablenken zu lassen; also zwei Eigenschaften, die eher als Untugenden gelten, werden da, aber auch hier, bei uns, gewünscht.
Deswegen gibt es auch kein ordentliches Katalogbuch. sondern einen beidseitig bedruckten Stadtplan, auf dem kurze Texte, Fragmente, Fundstücke und Werkabbildungen der beteiligten Künstler als gleichberechtigte Orte erscheinen. Der Plan verleugnet nicht, daß er auch als Appetitmacher dienen soll. denn nicht wenige der hier versammelten Arbeiten nehmen in gleichzeitig strenger, wie verspielter Form jene aufregenden Momente der ersten Stadterkundung auf, die jeder kennt, der etwa nach einer anstrengenden Reise in die Fremde, frisch geduscht seine Unterkunft verläßt und die ersten Schrittein unbekanntes Terrain tut. Dabei mögen die sanften Farben seiner Stadtkarte, die kartografischen Details des Stadtführers mit ihren pistaziengrünen?, himbeerroten, nußbraunen Tönen schon auf das Sehen und Gehen als kulinarische Abenteuer einstimmen. Ja, manchmal scheinen die so eingefärbten Orientierungshilfen heimliche Einladungen ins Schlaraffenland zu sein. Nehmen Sie nur die "Seelenpläne" des Autodidakten Thorsten Obermann, aus dessen großem Oevre wir ein knappes Hundert Buntstiftzeichnungen ausgewählt haben. Auch sie bedienen sich der pastellfarbenen Schönheit jener Stadtkarten, ? allerdings dienen sie nicht als Lockmittel, das in die Reize des fremden Außen führt. sondern als Wegweiser ins Innen. wie ihr Name es schon andeutet; in die Wünsche nach Harmonie und Ausgeglichenheit. Das ist, wie die Fülle seiner Arbeit beweist, nur durch das tägliche Exerzitium des Zeichnens, genauer, des Handzeichnens, zu erreichen. Was dann auf dem Papier entsteht, sind unbestimmte Städte, die aus Verdichtungen und Knoten, aus Rissen, Löchern, Clustern, Netzen und Wegmarken bestehen und öfter Phantasienamen tragen, die allerdings nicht auf das "Phantasien“ der Hobbit ? Reiche weisen, sondern auf Umstellungen schon bekannter Städtenamen wie Fulda oder Memmingen, Baiersbronn, und Frankfurt am Main. Von dort kommt Übrigens Christian Appel, der mit seinen großformatig gezeichneten, manchmal zart kolorierten Stadtplänen, wie Thorsten Obermann, zu jener Bruderschäft gehören scheint, die dem imaginativen Städtebau verpflichtet ist. Sie sind mit einer, Thorsten Obermanns verwandten Geduld, doch sind es keine Einzelblätter, sondern große Panoramen, die in monatelanger Arbeit entstanden sind. Wenn man sich ihnen nähert, entdeckt man hunderte von Worten und kurzen Sätzen, die in die Häuserzeilen eingeschrieben sind, Das sind Teile von Alltagsbeobachtungen für eine neuartige Tagebuch? Bildkarte, in die man sich mit dem Vorsatz versenkt. das Stadtbild, das sich da vor einem öffnet, als realen Ort zu entdecken: Das ist doch, das, ist doch –Köln vielleicht, oder Mannheim?
Aber, - nein, die Stadt, die hier minutiös abgebildet ist, gibt es offenbar gar nicht. Während Thorsten Obermanns Phantasien sich aus der Höhe, wenn nicht von Shivas Auge, dann zumindest von der Sicht eines privaten Meßsatelliten aus dargestellt zu sein scheint, ist die Höhe von der aus die Stadtterrains Christian Appels gezeichnet wurden, irdischer, sie scheinen wie zum Zweck administrativer Observation hergestellt, wie aus der Sicht eines Polizeihubschraubers, der den Fluß und die Stockungen der täglichen Bewegungen auf den Straßen registriert. Dort unten könnte beispielsweise Dr. Klaus Atzwanger, Ethologe aus Wien, zu sehen sein, wie er mit seinen Assistenten dabei ist, mit Hilfe von Stoppuhren die "positiven Korrelationen zwischen Gehgeschwindigkeit, Sprachgeschwindigkeit, Arbeitstempo, der Genauigkeit von Uhren. sowie der Rate von Herzkranzgefäßerkrankungen festzustellen.
Oder man sieht den Fotografen und Location? Scout Florian Braun vorbeieilen, den die Suche nach den passenden Hintergründen für Film? und Fernsehspiele zu einem Kritzler gemacht hat, dessen Zeichnungen das Außen und Innen der Stadt locker durchdringen und ortlos werden. Seine Strichmännchen verbinden sich komplikationslos mit den Umrissen von Baukränen, Computern. Entsaftern, Klebstreifenrollen und Taschenrechnern und bilden Allianzen gegen das allgegenwärtige Prinzip der Nutzbarmachung.
Auch Marko Lehanka ist dort unten zu sehen, allerdings häufig fast verdeckt, denn wie Francis Zeischegg, ? oder Erik Göngrich, versteht er sich auf die Kunst der Camouflage. Mit seinen verdrehten Objekten, die dem Fundus der banalen Stadtobjekte entstammen könnten, ist er ein Spezialist für den zweiten Blick. (Wir zeigen hier seinen "Zigarettenautomaten", den "Bollerwagen" und das "Modell für ein Plakat der Deutschen Städtereklame“. Nur ganz selten wäre aus jener Perspektive der Personen? und Objektobservation allerdings Matthias Hintzen, diplomierter Geograph aus München, zu sehen. Er ist, wenn ihn nicht gerade das Abendbrot bei den Eltern uns Haus, oder ein gelegentlicher Job in einem Planungsamt an den Schreibtisch fesselt, eigentlich ständig unterwegs, mit Bussen, Nah,? gelegentlich auch Fernverkehrszügen und Straßenbahnen, denn seit seiner Kindheit sind die Linien seine Leidenschaft, im grafischen, wie auch im transporttechnischen Sinne. Als Musterexemplar des mobilen Menschen würde er gewiß nicht taugen, denn obschon er so häufig unterwegs ist, sitzt er meistens. Das tun freilich Autofahrer guch, ? nur haben die nicht ständig Notizblöcke und Skizzenhefte auf dem Schoß und Zeichenstifte in der Hand und betätigen sich nicht als ihre eigenen Fahrtenschreiber, die Station für Station nachzeichnen,a uch werden sie bestimmt nicht, wenn sie nachhause kommen, noch Wegekarten aller möglichen Verkehrsnetze aus dem Gedächtnis nachzeichnen, ?was eine große mnemotechnische Leistung ist und Hintzen eigentlich schon längst fürs Guiness' Buch der Rekorde empfehlen hätte.
Doch lassen Sie mich nun die Vogelperspektive verlassen. Landen wir also zunächst einmal auf dem Boden statistischer Tatsachen, bei K.P.Brehmer, einem Künstler, der viel zu früh verstorben ist und dessen Oevre vom Spiel mit den bürokratisch wie erhebungstechnisch erfassten Daten, sowie der allseitigen Faktenhörigkeit geprägt ist. Er ist meines Wissens der einzige deutsche Künstler der Nachkriegsgeneration. der sich auf die Experimente der Künstler aus dem Umfeld der "Kölner Progressiven" bezog, einer Gruppe, zu der etwa Gerd Arntz und P.W.Seiwert gehörten und die in dem Entwickler der modernen Bildstatistik, Otto Neurath, ein Vorbild für die eigene Arbeit an einer neuen politischen Ikonografie sahen.
In unserer Ausstellung ist Brehmer mit einem Bild zur Verkehrsunfallstatistik in West?Berlin, 1977, sowie einer Arbeit über die Stadtentwicklung Londons und einer Studie über den Flug der Stubenfliege vertreten. Um diese Werke sind die Hochhausobjekte von Eva Maria Wilde gruppiert. Diese Stelen. deren Fassaden mit horizontalen und vertikalen Farbklebebändern rhythmisiert sind, kehren die Idyllik jener Miniaturstädte um, in denen man mit ein paar Schritten den Eiffelturm, den schiefen Turm von Pisa und die Sphinx von Giseh passieren kann und die den sogenannten kleinen Leuten das Gulliver? in? Lilliput? Gefühl geben, groß zu sein. Dies Gefühl geben die bis zu 2,5o Meter hohen Türme Eva Maria Wildes nicht. Zwischen ihnen entsteht leicht der Eindruck, von der wildgewordenen Bilanzstatistik etwa der Deutschen Bank festgehalten und nicht mehr losgelassen zu werden, bis die Kraft des Kapitals einen den Strömen der Geld? und Warenzirkulation ausliefert.
Ob im Work? in ?Progress? Beitrag, dem ARTE? Filmprojekt von Antonia Lerch und Benno Tratmann mit dem Arbeitstitel "Wut", auch die Wut der Kleinaktionäre und Sparer auf die Anlageberater gezeigt wird, die vor kurzem noch hohe Renditen versprachen und nun, in der Baisse. es nicht gewesen sein wollen, weiß ich noch nicht. Aber in den schon zeigbaren Arbeitskopien werden Menschen vorgestellt, denen Ärger und Haß Lebenselixiere zu sein scheinen.

Sie verkörpern Beispiele für die Temperaturen, die die sogenannte Volksseele zum Kochen bringen und einen immer wieder staunen lassen über das alltägliche Wunder. daß in einer Großstadt wie Berlin. wo es ständig zu mannigfachen Reibereien kommt, nicht Mord und Totschlag die Straßen regieren. Ja, der zeitweiligen militanten Okkupation der Straße werden sogar, wie die ritualisierten Ausschreitungen während der 1. Mai?Feiern in Kreuzberg und in Mitte immer wieder zeigen, folkloristische Züge abgewonnen, die für Touristen mit Sinn für Exotik, hohen Reiz haben können.

Das Diorama von Karsten Schulz, einem Polizeibeamten, zeigt einen Moment solcher Exotik, in dem die Energien der Stadt ungeschminkt sichtbar werden; die Räumung der von jungen Militanten besetzten Häuser in West? Berlin, Anfang der 80 er Jahre. ?Ein traumatisches Erlebnis nicht nur für die Besetzer. sondern auch für die räumenden Beamten. zu denen Karsten Schulz damals gehörte.
Neben West?Berlin war bekanntlich auch Frankfurt am Main ein Zentrum der Hausbesetzerbewegung. Manche Straßennamen dort. die Westendstrasse etwa oder der Kettenhofweg, beides Straßen unweit der Universität und ihren wohnungsnotleidenden Studenten, sind im Stadtgedächtnis noch tief mit den Zeitpunkten heftiger Strassenschlachten verbunden.

Zu den unauffälligen, fast schüchternen, doch stets präsenten Beobachtern des Geschehens gehörte die vor sieben Jahren gestorbene Fotografin Abisag Tüllmann, die für ihren Beruf eher das Wort "Berichterstatterin" bevorzugte. Frankfurt war ihre Heimatstadt und dort entstanden früh, Ende der fünfziger Jahre, als sie wenig älter als zwanzig war. all jene Fotos, die ihr mit Abbildungen in "Magnum" und Teilnahmen an den Weltausstellungen der Fotografie frühen Ruhm brachten. Viele dieser Schwarz?Weiß?Aufnahmen montierte sie zu einem immer noch anregenden Stadtbilderbuch, das 1963 mit dem schlichten Titel "Großstadt» erschienen ist. Im Vorwort schwärmt Richard Kirn, daß die Welt dieser Fotografin, die Welt der Stadt sei, "die tosende, lärmende, heulende, ratternde, sonntagstote oder an ihren Rändern versickernde Stadt in der Mitte des 2o.Jahrhunderts.“
Diese Ausstellung ist der Erinnerung an Abisag Tüllmann gewidmet.

Daß das stille Insistieren gewissermaßen zu den notwendigen Grundeigenschaften des Stadtbildberichterstatters gehört, ist gleichfalls den Stadtfilmen Manfred Wilhelms eingeprägt. Neben der Langzeitrecherche "Die Legende vom Potsdamer Platz“, den Filmen "Nightwalk",
"Im Lichtbild der Großstadt" und „Max Missmann/ E.L.Kirchner, Der Potsdamer Platz“, wird das besonders deutlich im Film über den Fotografen Henry Ries, dem Chronisten der Luftbrücke. Er zeigt den über 8o Jährigen beim Spazieren durch das neue Berlin, beim Reden über die Veränderungen des Stadtbilds und seine fotografische Erfassung.

Als Stadtwanderer sind Henry Ries, Manfred Wilhelms und Abisag Tüllmann Kinder jenes 1740 geborenen Sebastien Mercier, der meinte, daß er für seine berühmte Schrift "Tableau de Paris" so viel herumgelaufen sei, daß er mit Fug und Recht behaupten könne, es mit den Beinen geschrieben zu haben.

Hätte Dr.Atzwanger damals gelebt und wäre Zuhörer dieses Satzes gewesen, dann hätte er gewiß auf größerer Präzision bestanden. Mit den Beinen? Nein. mit den Füßen natürlich, diesen mißachteten, geknechteten Körperteilen. die den täglichen Bewegungsbedürfnissen am drückendsten ausgesetzt sind. Sie sind es, die Basisorgane der Stadterkennung bilden, ?das hat schon Carl Lange erkannt. ein Psychiatriepatient, dessen Arbeiten die Heidelberger Prinzhorn- Sammlung verwahrt. Auf seinen Zeichnungen verspricht jeder Schritt verzückende Erkenntnisse, die "heiligen Schweißwunder der Schuheinlegesohle“ womöglioh, die direkt in das von Josef Grebing liebevoll collagierte Stadtparadies "Roma? Stadt Gottes“ führen, ?oder in die Miniatur- Interieurs von Joseph Schneller, die wie Verlockungen der Geborgenheit am Ende eines langen Tunnels aussehen. Sie geben jene Wärme wieder, die wir manchmal des Nachts beim Anblick freundlich erleuchteter Wohnzimmerfenster spüren.
Oskar Schlemmer malte 1942, einem Jahr großer Not, so etwas. 18 Bilder mit Personen in Innenräumen, in die er von seiner Wuppertaler Wohnung aus blickte, wie in Vorräume des Paradieses. Matten Vogel hat hier etwas Ähnliches probiert. Er richtete das Objektiv seiner Kamera auf die erleuchteten Wohnungen der Nachbarn. ?Doch will sich da jenes Gefühl des Friedens nicht einstellen. Die Räume der Nachbarn scheinen in Kältenebel gehüllt. "Privat" heißt Vogels Arbeit und dies Private zeigt sich in einem Zustand der Auflösung .in dem alles Farbige und Individuelle zunichte gemacht wird. Ganz anders sieht dies Private Barbara Steppe. die als Nachfolgerin K.P.Bremers mit den Mitteln der Statistik arbeitet, und Porträts aus den Aktivitäts? und Passivitätsdaten der von ihr interviewten Personen zusammensetzt. Hieß es einst, daß das Private politisch sei, so könnte es hier heißen, daß das Private quantifizierbar ist und sich am ehesten noch als Kurzdatensammlung biografischer Merkmale und Fakten abbilden ließe, die in die Größenverhältnisse prozentualer Anteiligkeit und ins Gerüst subjektiver Farbzuordnungen gebracht wurden.

Während das Private hier in eine Systematik gebracht wird, die bisweilen an Mondrians analytische Methodik erinnert, stellen die Stilleben von Kerstin Drechsel Revolte gegen die Zwanghaftigkeit dar. in die die häusliche Ordnung mit solch rationalistischer Vorgehensweise geraten kann. Sie zeigt, wo Unordnung, Abfall, Müll heimisch geworden sind und das Wohnen besetzen. Ihre Bilder zeigen das andere Extrem, die Unsystematik der Messies, die der Macht der Dinge hilflos ausgesetzt sind. Wo soviel Chaos herrscht, muß man hinaus. auf die Straße, an jene Plätze, die das Vergessen der kruden Alltäglichkeit versprechen, vielleicht dorthin. wo in der Bewegung. im Tanz. sich die drückenden Verhältnisse aufzulösen scheinen. Am besten in einen der vielen Clubs, die in den Nischen, Kellern, leerstehenden Wohnungen und Bunkern Berlins in den 90er Jahren entstanden und von Martin Eberle in großformatigen Farbfotografien porträtiert worden sind. Diese "Temporary Spaces" sind alle menschenleer, aber doch noch voll von den Energien, die die Tanzenden Trinkenden, Redenden, Liebenden dort in der Nacht verschwendeten.

Nach dem Tanzen mag man mit dem Gefühl nachhause zurückehren, durch den genuinen Rhythmus der Stadt geläutert worden zu sein und entspannter, als zuvor, widmet man sich wieder seinen alltäglichen Verrichtungen, etwa der Hausarbeit. Heike Vogler hat die Bewegungen. die sie erfordert. in ihren animierten Zeichnungen aufgenommen, und das Spülen, Putzen, Sortieren; das Schneiden, Waschen Trocknen als Elemente der häuslichen Funktionstüchtigkeit poträtiert. Diese Animationen sind Weiterentwicklungen eines Langzeitprojekts über die "Time?Motion?Studies", jene Arbeitsbewegungsstudien. mit deren Hilfe die Industriearbeit im 20. Jahrhundert effizienter gestaltet werden sollte. in der großen Zeit dieser Rationalisierungsbewegung, die von den frühen zwanziger Jahren bis in die siebziger Jahre reichte, galten Pausen nur als Wiederherstellungsphasen menschlicher Arbeitskraft. Längerwährende Blicke aus dem Fenster etwa, überhaupt Langsamkeit in allen Ausrichtungen wurden in solchen Arbeitsprozessen als Faulheit ja als Sabotage geahndet.

In Katharina Meldners Video? Langzeitbeobachtung "Morgendämmern" ist der langwährende Blick aus dem Fenster das Hauptmotiv: Im Zeitraum von 3 Jahren hat sie den Gesang zweier Amseln aufgenommen, die sich von Nachbarhof zu Nachbarhof unterhalten und der dem Zuschauer und Zuhörer immer wieder das Gefühl erfrischten Aufwachens gibt. Auch Nanae Suzukis Aquarell?Serie „Gesichter", zeigt die Blicke von Drinnen nach Draußen: auf ockerfarbene, siennarote, seidengraue, resedagrüne Brüstungen. Hauswände, Balkone und Dächer, die, wenn man sie genau ansieht, mit einem mal merkwürdig verschoben wirken, so als hätte sie ein Harmoniesüchtiger auf der Suche nach der Steigerung seines Verlangens, sie nicht nur auf den Kopf gestellt. sondern auch nach eigenen architektonischen Regeln zusammengesetzt. Und siehe da: es funktioniert. Drinnen und Draußen wechseln und durchdringen sich, ohne daß die Balance zerstört wird.

Stella Geppert kann das mit ihrem großen Raumobjekt auch beweisen. Da wird Boccionis Traum von der Gleichzeitigkeit des Draußen und Drinnen Wirklichkeit. Die Küche, das Bad und die Besenkammer sind Teil der Straße, der Parkfläche und Häuserwand und Gully und Treppengeländer sind mit den Dingen aus Wohn? und Schlafzimmern versöhnt.

Karsten Konrads "Architypes“ spiegeln ebenfalls solche Balance. Diese mannigfach geformten Schichtenmodelle haben eine tektonische Kraft, die nicht mehr das Gerüst des Hausbaus braucht. Sie stehen da. ausgeruht, trotz ihrer Größe und ihres Gewichts, leicht, und bieten, sich als ideale Gefäße für das Atmen der Stadt an. Legt man sein Ohr an sie, dann kann man ihn (manchmal) von ferne hören.

Verfolgt man Anke Fischers Video?Installation über den Stadtrand, dann gibt es keine Frage: ohne die Stadt wäre man fast hilflos. Sie birgt jene ungeahnten Wunder, von denen August Endells 1908 erschienener Text über die Schönheit der Großen Stadt spricht. Sie bilden einen sich ständig verändernden "Orbis Pictus“, der denselben Titel tragen könnte. wie Christian Hückstädts Arbeit: "Du, und Deine Welt“. Schauen Sie in ihn hinein. Es lohnt sich.